07. Dezember 2018
Wenn man den Diskurs zum Fachkräftemangel verfolgt, fällt auf, dass in jüngster Zeit immer wieder ein Lösungsansatz genannt wird: Teilzeitkräfte - damit sind meist Frauen gemeint - sollen auf Vollzeit aufstocken. Entweder gelten weibliche Teilzeitangestellte als Opfer, die wegen der Erziehung ihrer Kinder ihre Arbeitszeit reduziert und damit unwiderruflich in der Teilzeitfalle respektive schlecht bezahlten B-Jobs ohne Karriereaussichten gelandet sind. Oder es wird ihnen (meist implizit)...
23. November 2018
Freitagvormittag, Wochenendeinkauf. Ich schiebe meinen Wagen im Stechschritt durch die Gänge, die Einkaufsliste ist lang, zu Hause wartet ein Berg Bügelwäsche. Eine Frau - ungefähr mein Alter, nach der Menge an aufgehäuftem Obst, Gemüse und Süßkram zu urteilen ebenfalls Mutter von mehreren Kindern - hält lange mit. Da trifft sie eine Bekannte. Bussi links, Bussi rechts. Dann geht es aber recht schnell zur Sache. Was denn dieser Lehrerin einfalle, da müsse man unbedingt was...
08. November 2018
Sternekoch Stefan Marquard bestätigt, was meine Analyse zur Medialisierung der Wohnung ergab: Die offene Designer-Küche ist Fassade, ist Bühne für die erfolgreiche Mittelschichtbiographie, gekocht wird immer weniger. In einem Artikel in der Zeitschrift "Zukunft Jetzt" erklärt er: "Die Küche ist bei uns zu einem wichtigen Statussymbol geworden. Die Leute arbeiten viel, um viel Geld für eine Küche auszugeben, die aber bitte nicht dreckig werden darf. Zum Kochen fehlt ihnen dann die Zeit,...
19. Oktober 2018
Die Medialisierung der Hochzeit ist aus gutem Grund eines der plakativsten Kapitel in meinem Buch. Denn beim Heiraten zieht die auf Aufmerksamkeit getrimmte Generation Selfie alle Register. Kein Wunder also, dass die neueste Technik herhalten muss, um immer neue Liebes-Inszenierungen hervorzubringen. So geschehen an einem See im Alpenraum. Während der Zeremonie kreiste eine Drohne über dem Brautpaar, um die vielen besonderen Momente der Glückseligkeit auch aus der Luft festzuhalten. Kleiner...
19. September 2018
Der Tatort: Ein bayerisches Volksfest. Die Hauptdarsteller: Zwei top-gestylte Mütter im Edel-Dirndl und ihre ebenso adrett herausgeputzten vier Kinder (Welcher Mutter wie viele gehörten, kann ich nicht sagen, tut auch nichts zur Sache). Während zwei der vier ein Fahrgeschäft besuchen, schmeißen sich die weiblichen Erziehungsberechtigten in Pose, um ein mediales Selbstbildnis anzufertigen. Zu diesem Zweck schieben sich die Mitt-Dreißigerinnen jeweils ein Vampir-Gebiss in den Mund, heben...
17. August 2018
Eigentlich ein Aufreger, aber keiner erfährt davon, denn das Thema landet nicht in den etablierten Medien: Die Leistungstabellen bei den Bundesjugendspielen wurden angepasst, damit die Zahl der vergebenen Ehrenurkunden gleich bleibt - obwohl die Schüler immer unsportlicher sind. Sie springen nicht mehr so weit und laufen nicht mehr so schnell wie vor 30 Jahren. Damit das keiner merkt, reichen jetzt weniger Punkte, um eine Ehrenurkunde zu bekommen. Für mich ist das Trickserei der übelsten...
03. August 2018
Kaum etwas lässt junge Mütter mehr leiden als wenn ihre Babys ihnen einen Strich durch die Rechnung machen. Ich weiß das. Meine ältere Tochter war noch gar nicht geboren, da hat sie mir eine Lektion erteilt. Ich wollte im Sommer, so zirka vier Wochen vor Geburtstermin, meine Bachelor-Prüfung machen. Dazu kam es nicht, denn ich lag schon in der zwölften Schwangerschaftswoche mit Blutungen im Krankenhaus. Mittlerweile ist meine ältere Tochter zwölf Jahre alt, meine Pläne durchkreuzt sie...
26. Juli 2018
Kaum ein Beruf steht seit einigen Jahren so unter Beobachtung wie der des Lehrers. Dabei gilt der Lehrer des alten Schlags als Auslaufmodell. Der Diskurs will nun "Lernbegleiter", die den Kindern zeigen, wie man mit dem iPad nach den wissenswerten Dingen des Lebens googelt. Sie sollen ihnen helfen, selbständig Bildung zu erwerben, die natürlich eine digitale ist. Frontalunterricht, das Abschreiben von Tafelbildern, das Zuhören, alles Blödsinn, da sind sich Bildungspolitiker und die...
17. Juli 2018
Vor einiger Zeit hat mir eine ehemalige Arbeitskollegin eine SMS geschrieben. Der Informationsgehalt war überschaubar. Vordergründig entschuldigte sie sich dafür, sich nicht früher gemeldet zu haben. Die Begründung für das Versäumnis: "Ich arbeite 30 Stunden, habe drei Kinder, ein Haus und einen Garten. Da bleibt wenig Luft." Ich fühlte mich sofort an eine alte Fernsehwerbung erinnert, in dem ein Mann einem Bekannten ein paar Fotos präsentiert, von seinem Auto, seinem Haus, seinem...
11. Juli 2018
Nordrhein-Westfalen will Kinder"Tages"stätten in Bälde erlauben, rund um die Uhr zu öffnen. Damit Mütter und Väter mit 24-Stunden-Berufen in Zukunft Früh-, Spät- und Nachtschichten übernehmen können. Für Ärzte, Krankenschwestern, Fließbandarbeiter und Busfahrer kann das durchaus eine gute Nachricht sein. Ob Kinder es schön finden, nun nicht mehr nur ganze Tage, sondern auch ganze Nächte nicht zu Hause bei den Eltern verbringen zu dürfen, kann ich mir nicht vorstellen. Es drängt...

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