Die Medialisierung der Familie


Süß, ja, keine Frage. Aber eben auch gestellt, inszeniert, für das Publikum gemacht. Das Menschlein alleine reicht nicht, es braucht noch einen originellen Hut, damit die Zielgruppe hinsieht. Wir haben gelernt, dass wir die gewünschte Aufmerksamkeit nur dann bekommen, wenn wir es machen wie die Medien. Also müssen wir immer visueller, außergewöhnlicher, bemerkenswerter werden. Nur dann klickt die Nachbarin mein Profilfoto. Aufmerksamkeitsgewinn als Wert an sich. Dabei braucht Familie eigentlich keine Zuschauer, sondern nur Liebe. Aber wir sind so beeinflusst von der massenmedialen Handlungslogik, dass wir vergessen, wofür Familie steht. Wir stylen uns, unseren Partner, unsere Kinder und zelebrieren ein öffentlich zur Schau gestelltes Familienidyll, das uns an den Rand des Nervenzusammenbruchs bringt.

Die Medialisierung des Systems Familie macht unseren Alltag schneller, stressiger, komplizierter. In meinem Buch "Das Aufmerksamkeitsregime" habe ich diese sozialen Wandlungsprozesse beschrieben. Mein Rat an alle Familie: Hört auf damit!

Mehr zum Aufmerksamkeitsregime 

Paare feiern Motto-Hochzeiten, Schwangere fordern WLAN im Kreißsaal, Eltern verschicken save-the-date-Karten zum ersten Schultag. Baby-Schwimmkurse brauchen einen roten Faden, Restaurants eine originelle Kinderbetreuung und Lehrer planen ihren Unterricht in Zehn-Minuten-Einheiten, damit er möglichst abwechslungsreich ist. Selbst Küchen sind nicht mehr zum Kochen da, sondern liefern eine Bühne für die Inszenierung des Familienglücks.

Frauen und Männer, Mütter und Väter lieben, heiraten, erziehen, reisen, feiern und wohnen heute anders als vor 40 Jahren. Ein wesentlicher Treiber dieser Veränderungen ist die Orientierung an der Logik der Massenmedien. Diese haben "der Fernsehgeneration" gelehrt, dass Aufmerksamkeit, Klicks und Likes einen eigenen Wert besitzen und dass nur Aufmerksamkeit bekommt, was aufregend ist und schöne Bilder produziert. Die Medienlogik entwickelt sich zum modus operandi des Miteinanders: Familie wird öffentlich gelebt, auch auf Facebook und Instagram, zulasten gemeinsam verbrachter Zeit. Dabei braucht Liebe eigentlich keine Zuschauer. Oder doch?

Mein Buch "Das Aufmerksamkeitsregime - Wenn Liebe Zuschauer braucht" ist im VISTAS Verlag erschienen und kann ab sofort bestellt werden. Zum VISTAS Verlag

Familiendiskurs

Familie ist ein emotional aufgeladener Begriff. Und gleichzeitig ein hochpolitischer. Eine Familie zu gründen, ist keine rein private Entscheidung mehr. Politik und Wirtschaft zerren an Müttern, Vätern und Kindern (sprich den künftigen Fachkräften und Beitragszahlern). Interessant: Das Wohl der Kinder - sprich ihr Glück - spielt im Diskurs kaum eine Rolle. Dafür gilt es als kinderfreundlich, wenn Mütter möglichst früh wieder an ihren Arbeitsplatz zurückkehren. Zeit, ein bisschen gegen den Mainstream zu argumentieren. Zum Blog

Bildungsdiskurs

In der Bildungsdebatte geht es hoch her. Auch hier haben Politik und Wirtschaft die Deutungshoheit übernommen, gestandene Pädagogen können sich nur noch die Augen reiben. Um echte Bildung geht es nämlich nicht mehr, sondern um die für die Zukunft so vermeintlich wichtigen Kompetenzen. Unsere Schulen verschlafen angeblich die Digitalisierung und müssen sich mehr an der Praxis orientieren. Dummerweise verlernen unsere Kinder das Denken, während wir jeden Irrsinn mitmachen. Zum Blog