Das Aufmerksamkeitsregime

Jeder deutsche Erwachsene verbringt pro Tag rund zehn Stunden mit dem Konsum massenmedialer Inhalte. Fernsehen, Radio, Internet, manchmal sogar noch ein bisschen Zeitung. Die heutige Elterngeneration kann sich an die Einführung des Privatrundfunks Mitte der 1980er Jahre erinnern, Kinder und Jugendliche fragen sich, wie man ohne Smartphone überhaupt leben konnte. Die rasante Ausdifferenzierung eines eigenlogischen Mediensystems kann nicht ohne Folgen für andere soziale Funktionssysteme sein - zumal Politik, Wirtschaft oder Kunst auf die Leistung der Massenmedien zugreifen wollen. Denn nur die versprechen die Aufmerksamkeit einer breiten Öffentlichkeit. Die Folge: Schon heute gibt es mehr PR-Mitarbeiter als Journalisten ein Deutschland. Gleichzeitig verändern Medien unser Denken und Handeln, unsere Bewertungsmaßstäbe. Wir haben die massenmediale Handlungslogik verinnerlicht, wissen, dass Nachrichten außergewöhnlich, besonders, spektakulär und exklusiv sein müssen, um wahrgenommen zu werden. Diese Logik überformt unsere täglichen Praktiken, setzt uns unter Druck, stresst uns. Ohne dass wir es merken, huldigen wir dem Aufmerksamkeitsregime. Mehr zu Medialisierung

Mein Buch mit dem Titel "Das Aufmerksamkeitsregime" erscheint im April beim Vistas-Verlag

Partnerschaft

Boy meets girl. Ganz einfach, oder? Biologie, Hormone, Evolution. Ganz so einfach ist es nicht mehr. Die Vorbilder aus Film und Fernsehen suggerieren uns: Das Gesamtpaket muss stimmen. Und wenn der Chirurg die Wahl zwischen Krankenschwester und Anästhesistin hat, dann nimmt er letztere. Die passt besser zum durchgestylten Leben. Das Internet hat uns zudem gelehrt, dass nur der die meisten Klicks bekommt, der am originellsten ist. Also muss man sich eine spannende Geschichte für die Online-Partnersuche ausdenken, sonst nimmt ein anderer die Ballkönigin mit nach Hause.

ERziehung

Bloß nichts verpassen, bloß kein Leerlauf, bloß keine Langeweile. Erziehung war noch nie so stressig wie heute. Eltern rennen mit ihrem Nachwuchs von einem Kurs zum nächsten, lesen massenhaft Ratgeberliteratur und takten den Familienalltag gnadenlos durch. Die vielen Höhepunkte posten sie auf Facebook. Das gilt vor allem für die Mütter, die trotz gnadenlosen Multi-Taskings (Job, Haushalt, Hausaufgabenhilfe, Kuchen für das Kindergartenfest, Elternbeirat) keine Wertschätzung für ihre Erziehungsbemühungen bekommen. Vielleicht hilft ein schickes Profilbild auf WhatsApp?  

Feierkultur

Heiratsantrag, Junggesellenabschied, Hochzeit, Geburt, Motto-Kindergeburtstag. Für jeden Anlass ein ausgefallenes, hübsch visualisiertes, Aufsehen erregendes Mega-Event. Zum Heiraten in die Dorfwirtschaft? Zum 4. Geburtstag Topfschlagen? Alles out. Viel zu banal. Aufmerksamkeit bekommt nur, wer was ganz Neues, Besonderes macht. Und eine schöne Geschichte erzählt. Also inszeniert man den Heiratsantrag für YouTube, feiert die Vermählung in der spanischen Finca und beauftragt für die Organisation der Kinder-Party eine Profi-Agentur. Die Medialisierung lässt grüßen.

Wohnen

Küchen sind nicht mehr zum Kochen da. Sie sind Repräsentations-räume, Projektionsflächen für unser medialisiertes Selbstbild. Die Küche muss glänzen, stylish sein, in den Wohnraum integriert. Essengerüche stören uns nicht, werktags gehen wir in die Kantine oder die Schulmensa. Das Designerstück kommt am Wochenende zum Einsatz, wenn Familie und Freunde um das moderne Lagerfeuer stehen, am Weinglas nippen und über den perfekten Garpunkt des Kobe-Rinds philosophieren. Kochen ist keine  (Hausfrauen-)Arbeit mehr, sonst würden Männer keine Jamie-Oliver-Schürzen tragen.